Köpfe

 

 

 

Nicht alle Köpfe, die Sebastian Volz malt, stellen Torsionen dar. Einige tun es zweifellos. Es sind Torsionsköpfe, die ihre Konsistenz aus ihrer Inkonsistenz beziehen, als Produkte von Drehungen oder Verdrehungen des sie konstituierenden Materials. Fleischköpfe aus Fleischlappen, die daran erinnern, dass Köpfe aus amorpher Materie bestehen: Haut, Knochen, Wucherungen, Wülsten. In die Kopfklumpen sind Münder, Augen und Ohren eingelassen, oder sie ragen aus ihnen hervor. Erstaunlich ist die Balance zwischen Statik und Dynamik, nicht nur was die dargestellten Köpfe betrifft, sondern auch die Bilder als solche. Volz gelingt es, die Dreh- und Torsionsdynamik anzuhalten, ohne sie zu neutralisieren. Die Köpfe erhalten dadurch etwas monumentales, fast tragisches. Sie erscheinen als Ergebnisse von Kräfteverhältnissen, deren ungewolltes Produkt sie sind. Man weiß sofort, dass es sich nicht um Anomalien handelt. Hier wird vielmehr die conditio humana verhandelt. Jeder Kopf stellt das Menschliche oder Allzumenschliche des Menschen dar. Unter Subtraktion des nur Geistigen wird die Fleischlichkeit des Menschen inszeniert. Analog zu Antonin Artaud und den Überlegungen von Gilles Deleuze zur Malerei von Francis Bacon, kommt das nackte Fleisch zu seinem Recht. Volz beteiligt sich in keinem seiner Bilder an den üblichen Sublimierungsgesten, die im Menschen etwas der Natur Enthobenes sehen. Im Gegenteil: Es geht um die Kontaktierung der Materialität oder Korporalität menschlicher Existenz. Manchmal gewinnt man den Eindruck, der Mensch stecke in seinem Fleisch wie in einem Gefängnis fest. Der Spielraum möglicher Freiheit wird gegen null reduziert. Volz Malerei operiert an dieser Nulllinie, die das Subjekt als Objekt von Inkarnationen ausweist, die es nicht kontrolliert. Der Blick einiger Figuren trifft ihren Betrachter wie ein hilfloser Appell. Es kann kein Appell zur Befreiung sein – sie existiert nicht! Eher appellieren die besagten Blicke an die Anerkennung der Vergeblichkeit der Situation ihrer Protagonisten. Sie fordern kein Mitleid ein. Was sie einfordern, ist die Affirmation der Unabänderlichkeit der Lage, in ihrer Fleischlichkeit verstummte Entitäten zu sein. Es gibt bei Volz so etwas wie stumme Schreie, lautlose Appelle, die an einen mitleidlosen Humanismus appellieren. Das ist der nietzscheanische Zug seiner Arbeit: die Weigerung ins Schönfärberische zu gehen. Durchs stumme Fleisch hindurch, wie durch die Augen und Münder, artikuliert sich die Normalität des (angeblich) Unnormalen. Manche Figuren wirken wie neu zusammengesetzt. Andere sind unwiderruflich zerrissen. Sie bestehen aus Fetzen, die zunächst nichts als Farbfetzen sind. Das Groteske ihrer Erscheinung widerruft sich selbst, indem es seine Außergewöhnlichkeit dementiert. Nichts ist rätselhaft oder überzogen an diesen Köpfen. Mit den Mitteln der Farbe sind sie ins Licht ihrer Evidenz getaucht. Was sie so überzeugend macht, ist ihre Selbstverständlichkeit. Man will und kann ihnen nicht widersprechen. Als Inkarnationen ihrer eigenen Widersprüchlichkeit halten sie jeden Einspruch aus.

 

 

 

Marcus Steinweg